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EDVM 10.09.2010
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Supervogel AN 225: Der schwerste kommerzielle Lufttransport aller Zeiten
Unser Clubmitglied Gunter Hartung flog für AERO International mit An225 von München nach Kiew.

Ehre, wem Ehre gebührt? Warum nicht! Die temporäre Wallung angemessen elitärer Gefühle ist ohnehin nicht zu unterdrücken. Da liegt sie also " Schwarz auf Weiß " auf dem Redaktionstisch von AERO International: die offizielle Einladung, im Cockpit des größten Flugzeugs aller Zeiten von München nach Kiew in der Ukraine zu fliegen.


Von Kiew wird der Flug weiter gehen via Ulyanowsk in der Russischen Föderation nach Bishkek im zentralasiatischen Kirgisistan. Weltweit war es nie zuvor Journalisten oder anderen Zivilisten, die nicht zur "Creme de la Creme" der ausgewählten Experten der Antonow-Werke gehören, vergönnt, die gigantische An225 im Flug zu erleben. FJS-Flughafen München am Vorabend des exklusiven Ereignisses. Der Anblick der Fracht, die in einem eigens für den Auftrag gecharterten Flugzeughangar zwischengelagert ist, lässt Zweifel aufkommen. Das alles soll in ein einziges Flugzeug passen?

Was die in Stuttgart und Kelsterbach ansässige Proair-Charter-Transport-GmbH da mit 17 Lastzügen aus einem US-Depot in der Pfalz heran gekarrt hat, ist mit einem Blick nicht zu erfassen. 420 Paletten mit 20 160 großen Kartons, die haargenau 241 920 Essenrationen für die Angehörigen der US-Streitkräfte in Zentralasien enthalten. 213 Tonnen Fracht, die morgen mit dem Sechsstrahler An225 auf die lange Reise gehen sollen. Vorabend eines Weltrekords! Das Abfluggewicht wird bei 563 Tonnen liegen. Nie zuvor in der bisherigen Geschichte der Luftfahrt hat im kommerziellen Transportgeschäft ein auch nur annähernd schwerer Brocken vom Boden abgehoben. Vergleiche drängen sich auf und machen deutlich, worum es hier geht: die für die extreme Langstrecke betankte und voll besetzte MD11 liegt bei einem maximalen Abfluggewicht von 285,9 t. Das entspricht noch nicht einmal den 300 Tonnen Treibstoff, die der Antonow 225 einen Ferryflug über 15 400 km ermöglichen.

Geschichte eines Unikats
Mit hängenden Flügeln der ausladenden Art rollt der Gigant heran. Die beiden Seitenleitwerke ragen über 18 Meter hoch in den Nachthimmel bei Erding, der jetzt vom Flutlicht erhellt wird. 21 Uhr. Per Fahrwerkhydraulik ist das Flugzeug abgesenkt und liegt nun fast auf dem Bauch. Der über das Cockpit hinweg senkrecht nach oben geklappte Bug gibt den Blick frei auf die großmäulige Öffnung eines abgrundtiefen Frachtraums. Niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass die Beladung deutlich länger dauern wird als geplant. Noch 10 Stunden später, eine Stunde nach Sonnenaufgang, sind die Gabelstapler im Bauch der Antonow in Aktion.
Als das Flugzeug seit Mitte der 80er Jahre bei Antonow in Kiew auf der Basis der An124 in der Entwicklung stand und zum Mammut aufgeblasen wurde, verpassten ihm die euphorischen Verantwortlichen den Taufnamen "Mriya". "Mriya" heißt "Traum". Doch der Traum platzte mit all den schönen Plänen. Denn als die An225 am 21. Dezember 1988 zu ihrem Erstflug startete, war der Zerfall der ehemaligen Sowjetunion schon fortgeschritten. Ursprünglich sollte der Sechsstrahler die Raumfähre "Buran" und bis zu 70 Meter lange Strukturen huckepack transportieren, sollte u.a. Module und Segmente der Trägerrakete "Energija" zum Raumfahrtzentrum nach Baikonur schleppen. Kein Geld mehr für die Raumfahrt, kein wirklicher Bedarf für die einzige An225, die gebaut wurde. Das Unikat tingelte noch bis 1994 weltweit von Luftfahrtschau zu Luftfahrtschau und stand dann geschlagene sechs Jahre nahezu vergessen auf dem Vorfeld des Antonow-Werkflughafens. Erst als um die Jahrtausendwende herum die inzwischen gegründete "Antonov Airlines" mit acht An124 und einer Reihe älterer Turboprops im internationalen kommerziellen Chartergeschäft steigende Einnahmen verbuchte, wurde die An225 entmottet, gründlich überholt und wieder flott gemacht. Kurz vor Ende 2001 war der Weg in eine angemessene Zukunft geebnet, mit der Erteilung der Lizenz für den weltweiten kommerziellen Frachtbetrieb.
Im Cockpit der "Mriya"
11.50 Uhr. Seit 20 Minuten rollt der Gigant behäbig auf seinen 32 Fahrwerkrädern in Richtung Startpunkt 08 der Südbahn des Flughafens München. Über eine sieben Meter aufsteigende und rostrot lackierte schmucklose Leiter sind wir vor mehr als einer Stunde, wie die sechsköpfige Crew auch, vom Laderaum hinauf ins Cockpit geklettert. Vorn links sitzt Captain Alexander Galunenko. Kopilot ist Anatoly Moiseyev, ebenfalls Flugkapitän. Beide sind zugleich erfahrene Testpiloten. Knapp hinter dem Cockpit seitlich links der Radiooperator und der Navigator, gegenüber, an einem weiteren Instrumentenpanel, zwei Flugingenieure. Vladymir Gusar, damals als Testflugingenieur Teilnehmer des Erstflugs und nun als Flightmanager an Bord, sitzt mit dem AERO-Team in einer der drei Nischen hinter dem Cockpit auf "Großmutters Sofa", wie in einem älteren Plüschsalonwagen der transsibirischen Eisenbahn. Von Anschnallgurten keine Spur. Nebenan residiert Mikey Kharchenko, heute auch Flightmanager und Ende 1988 verantwortlicher Cheftestpilot während des Erstfluges der An225. "Wir sind in diesem Flugzeug sozusagen geboren worden, wir werden mit ihm auch alt werden", versichern beide einmütig. Und: "Wenn sich die Geschäfte mit unserer `Mriya` gut anlassen, dann wird vielleicht auch die zweite An225 endlich fertig gebaut, mit deren Endmontage schon vor Jahren begonnen wurde!"
563 Tonnen nach Kiew
Alexander Galunenko schiebt die sechs gelben Gashebel nach vorn. 563 Tonnen setzen sich langsam in Bewegung, angetrieben von sechs Triebwerken des Typs Lotarev "Progress" D-18T, die jeweils 2,7 t Treibstoff pro Stunde verheizen, gemeinsam also 16,2 t. Nach 2800 m Startrollstrecke nimmt die An225 bei nun 280 km/h die Nase hoch und steigt zügig auf 29 000 f. Flugzeit nach Kiew: 2.15 Std. Die beiden AERO-Mitarbeiter mit gerechnet sind alles in allem 22 Personen an Bord. Neun Angehörige der technischen Crew und der Lademeister residieren in der während des Fluges nicht zugänglichen Heckkabine oberhalb des gigantischen Laderaums. Einige von ihnen, die während der vergangenen Nacht bei Temperaturen um 15 Grad unter Null auf dem Airport München die Fracht verstaut und gesichert haben, werden in Kiew ausgetauscht. Landung auf der kurz zuvor vom Schnee geräumten Runway der Antonow-Werke bei Kiew in der Ukraine mit 295 km/h. Die erste Etappe des bisher schwersten kommerziellen Transportfluges der Luftfahrtgeschichte ist reibungslos geglückt. Die Uhren in Kiew zeigen 15 Uhr Ortszeit. Um 19.21 fliegt die An225 zunächst weiter nach Ulyanowsk und dann zu ihrem Transportziel Bishkek in Kirgisistan, wo sie gegen 3 Uhr Ortszeit am nächsten Morgen sicher landet.
Darf's ein bißchen mehr sein?
Bei der 1996 gegründeten und mit 10 Mann Personal noch kleinen Proair-Charter-Transport-Gmbh. in Stuttgart, die den schwergewichtigen Auftrag der US-Regierung von ihrem Kooperationspartner DHL erhalten hat, wird die Nachricht mit Erleichterung aufgenommen. Das Flugzeug, das gut 13 Jahre nach dem Erstflug eigentlich ein Prototyp geblieben ist, hat die Bewährungsprobe bestanden. Doch selbst wenn es entsprechende Anfragen geben sollte: die An225 steht bis in den April hinein nicht zur Verfügung. Im Antonow-Werk sollen, u.a. mit Strukturverbesserungen, die Voraussetzungen geschaffen werden, die maximale Frachtkapazität von gegenwärtig 230 t. auf 250 t. zu erhöhen. Das Abfluggewicht läge dann bei gut 600 t. Noch Fragen?
Gunter Hartung
Daten und Fakten

Maße Flugzeug
Die Spannweite der An 225 beträgt 88,40 m, die Länge 84 m. Die beiden Seitenleitwerke ragen 18,10 m hoch. Die "Mriya" ist 15 m länger als das Basisflugzeug An124.

Frachtraum
Der Frachtraum ist 43 m lang, 6,5 m länger als der der An124. Die Ladeluke ist 6,40 m breit und 4,40 m hoch. Frachtvolumen: 1100 Kubikmeter. Im Gegensatz zur An124 kann die "Mriya" nur von vorn beladen werden. Sollte eine weitere An225 fertig gestellt werden, wird sie auch über ein hinteres Frachttor verfügen.

Charterkosten
Ca. 25 000 US$ pro Flugstunde

Reichweiten
Ferryflug (unbeladen) 15 400 km, entspricht ca. 18 Flugstunden
Mit 200 t. Fracht 4500 km
Mit 150 t. Fracht 7000 km

Weitere Vergleiche mit anderen Flugzeugen
Nach Modifikation in Kiew ab April 2002 wird die max. Payload 250 t. betragen (jetzt 230 t.)
Max. Abfluggewicht dann 600 t.
Mehr als doppelte Zuladung der An124 und der B747 Cargo, die max. 110 t. transportieren kann.
100 t. mehr Fracht als A380-Cargo
(Der weltgrößte Zweistrahler, die Boeing 777-300, kommt auf knapp 300 t. max. Abfluggewicht.)

Leistung/Speed
750 " 850 km/h
Schub pro Triebwerk: 23,5 t.

Roll-out
30. Nov. 1988
Erstflug
21. Dez. 1988
Dauer: 75 min.

Besonderheit
Mit 1,2 t Gewicht größte Schleppstange (Push-Back) der Welt. Wird grundsätzlich mit geführt!

Hersteller
Antonov-Design-Büro, Kiew/Ukraine