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Rückkehr zur Langsamkeit Abgesang auf das Concorde-Zeitalter
Die Nachrichten aus Paris und London haben vermutlich nur die ganz Eiligen und Reichen innerhalb der überschaubaren Familie der "Jetsetter" erschüttert. Die vielen anderen in aller Welt, die sich einen Überschallflug nie leisten konnten, werden der Concorde keine Träne nach weinen. Bis auf jene, die es sich fest vorgenommen hatten, irgendwann zu Geld zu kommen und mit Mach 2 über den Atlantik zu jagen. Sie haben, wenn nicht alles täuscht, zu lange gewartet. Das Ende des zivilen Überschallflugs ist besiegelt, weil British Airways und Air France, die gut ein Jahr nach der Katastrophe bei Paris die Concorde - aufwändig modifiziert - erneut in Dienst stellten, die Passagiere ausblieben. Klage über die beschlossene Einstellung des Überschallverkehrs führt noch eine andere Spezies, die sich dem technischen Fortschritt um jeden Preis verschrieben hat und sich deshalb fragt, ob die Rückkehr zum Unterschall in der zivilen Luftfahrt eine kluge Entscheidung ist. Wann wird der ICE von der Schiene genommen, um der Pferdekutsche zur Renaissance zu verhelfen? Immerhin war die Bahnkatastrophe bei Eschede, gemessen an ihrer tödlich-dramatischen Auswirkung, mit dem Concorde-Crash am 25. Juli 2000 vergleichbar.
Zur Aufgabe gezwungen
Mehrere Faktoren sind verantwortlich für den Garaus der Concorde: die allgemeine Zurückhaltung der potentiellen Passagiere nach dem 11. September 2001, die schwächelnde Weltwirtschaft, Kriege und die daraus resultierenden hohen Treibstoffpreise sowie eine Serie mehr oder weniger ernsthafter Zwischenfälle im Flugbetrieb nach der Wiederaufnahme des Verkehrs. Triebwerkausfälle zwangen die Concorde zu beängstigenden Flugmanövern, mal lösten sich Teile des Ruders, mal liess sich die abgesenkte Cockpitnase nicht in die Horizontale zurück fahren. Gebrechen des Alters, die kostspielig behandelt werden müssen. Die Buchungszahlen dümpelten auf niedrigem Niveau und brachen während des Irakkriegs im März vollständig ein. Mit 20 Prozent Auslastung sind die extrem hohen Betriebskosten nicht zu finanzieren. Die Concorde schluckt pro Stunde so viel Treibstoff wie eine Boeing 747 während des kompletten Atlantikfluges und kann dabei maximal nur knapp ein Drittel der Passagiere befördern. Bei mittelprächtiger Auslastung von 75 Prozent wäre nach AERO-Berechnung der Concordebetrieb nur dann halbwegs wirtschaftlich, wenn die Hin-und Rückflugtickets Paris/London - New York mindestens 10000 EUR kosten würden. In der Schlussphase des zivilen Überschallverkehrs berechnen Air France (Paris-New York) 8727 und British Airways (London-New York) 5555 EUR, plus Steuern und Gebühren. Der sprunghafte Anstieg der Buchungszahlen auf über 80 Prozent Auslastung nach Veröffentlichung der Entscheidung, den Betrieb bis Ende Mai (Air France) und Ende Oktober (BA) einzustellen, ist wohl nur als Strohfeuer zu deuten. Angefacht von der Panik derer, die das "Erlebnis Überschallflug" geniessen möchten, bevor die letzte Chance vertan ist.
Zwischen 1966 und 1979 sind 20 Concorde gebaut worden, inklusive zweier Prototypen diesseits und jenseits des Kanals und zwei weiterer Vorserienflugzeuge. British Airways betreibt in der Schlussphase von ihren sieben Exemplaren noch fünf, Air France besitzt fünf und hat vier davon im Einsatz. Die komplette Flotte ist alles in allem 300000 Stunden in der Luft gewesen, davon entfallen auf British Airways knapp zwei Drittel. Mit 2.52 Stunden hält British Airways bis heute den Rekord der schnellsten Atlantiküberquerung von New York nach London. Auch die mit 3.45 Std. angegebene durchschnittliche Flugzeit beträgt weniger als die Hälfte dessen, was die herkömmlichen Grossraumjets brauchen, mit denen wir alle uns nun begnügen müssen. Auch die Grossmogule und "Global Players" der Weltwirtschaft, die Filmdiven und anderen Erfolgreichen des internationalen Showbusiness. Dieser Umstand dürfte dafür verantwortlich sein, dass sich die Trauer über das Ableben der Concorde in Grenzen hält.
Die Geschichte
Am 29. November 1962 unterzeichneten England und Frankreich ein Abkommen über die gemeinsame Entwicklung der Concorde. Es war die Zeit der vollen Kassen, der ungebremsten Technikeuphorie und der schwach ausgeprägten ökologischen Zweifel. Als am 2. März 1969 der erste Concorde- Prototyp in Toulouse an den Start ging, hatte das Nachdenken über Sinn und Unsinn des Überschallverkehrs längst eingesetzt. In den folgenden sieben Jahren bis zur Aufnahme des Linenverkehrs sprangen 14 von 16 der einst interessierten Fluggesellschaften nacheinander ab. Die Investoren Frankreich und England wurden allein gelassen mit dem kompliziertesten, teuersten und schnellsten Verkehrsflugzeug der westlichen Welt. Dennoch begann schliesslich das Zeitalter des kommerziellen Überschallverkehrs, am 21. Januar 1976. Damals startete die Concorde zu ihrem Jungfernflug Paris - Dakar - Rio de Janeiro, zeitgleich bot British Airways die Überschallstrecke London - Bahrein an. Restriktionen und negative Marktanalysen führten im Laufe der Jahre zur Beschränkung des Flugverkehrs auf die Nordatlatikroute.
Und nun also definitiv das Ende? Keine Hintertür, die sich einen Spalt weit öffnet? Virgin Atlantic Airways - Gründer Richard Branson ist immer für eine Überraschung gut. Während British Airways und Air France in den vergangenen Monaten jede Art von Werbung für den Überschallverkehr konsequent vermieden haben und auch Fachjournalisten abblitzen liessen, kommt das PR - Talent Sir Richard aus der Deckung: "Die Concorde gehört in die Luft und nicht ins Museum!" Sein Angebot an BA, die Flugzeuge für je einen symbolischen Dollar zu übernehmen, ist von British Airways abgeschmettert worden. Das ist vor allem deshalb zu bedauern, weil es mit Sicherheit spannend geworden wäre, zu erleben, welches Überlebenskonzept Branson für den Überschallverkehr entwickelt hätte. Angeboten hätte sich folgendes Szenario: vier der sieben BA - Concorde als "Ersatzteilträger" und stille Reserve am Boden, die drei anderen, ständig umworben von zahlungskräftigen Passagieren, rund um die Uhr und bis auf den letzten Sitz ausgebucht in der Luft. Das exklusive Angebot Überschallflug wäre mit der Reduzierung des täglichen Platzangebots noch ein Stück exklusiver ausgefallen. Vermutlich wäre die Rechnung auch deshalb aufgegangen, weil Virgin sich die rare Offerte mit mehr als kostendeckenden Ticketpreisen hätte honorieren lassen können.
Kein Nachfolger in Sicht?
An der Concorde scheiden sich die Geister, seit mehr als 30 Jahren schon. "Eine ökologische Frechheit und Zumutung, ein ökonomisches Fiasko" urteilen die einen, die anderen sehen in der Concorde den technologischen Wegbereiter einer überschallschnellen Zukunft des Luftverkehrs. Die aber ist nicht in Sicht. Das Zeitalter des zivilen Überschallflugs geht zu Ende. Vor dem Jahr 2020 könnte, aufgrund der erforderlichen Entwicklungszeit, selbst dann kein Concorde-Nachfolger an den Start gehen, wenn sich die Industrie zu einer entsprechenden Absichtserklärung durchringen würde. Eher ist damit zu rechnen, dass die Reichen und Hyperreichen die Branche ermuntern, sich nun ernsthaft der Entwicklung eines Mach 2 - 3-Businessjets zu nähern. Mag die Wirtschaft auf allen Kontinenten auch kränkeln und die Hälfte der Weltbevölkerung in der Nähe oder unterhalb der Armutsgrenze vegetieren: die Zahl der Milliardäre und Multimillionäre steigt ungebremst.
Bis denen aber ein Überschall-Luxusvogel zur Verfügung steht, können einige von uns Älteren, die schon mal der Faszination eines Concordeflugs erliegen durften, den ach so fortschrittlichen Joungstern anhaltend eine ziemlich lange Nase machen: "Ätsch, mein Lieber. Mag ja sein, dass Du mit Deinem neuen Navigationssystem punktgenau den Hintereingang einer versteckten Disco findest. Aber bist Du schon mal in zwei Stunden und 52 Minuten von New York nach London geflogen?"
Gunter Hartung
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