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Ground Zero in Frankfurt
Unser Clubmitglied Gunter Hartung hat einen Kommentar für die AERO International geschrieben.

Ground Zero in Frankfurt



Sind wir noch einmal davon gekommen?

Von Gunter Hartung

Wir sind noch einmal davon gekommen! Alle wissen es nun: Frankfurt stand am Rande des Untergangs. Auf mehrere Stunden verlängert kreist das Grauen bei 'n-tv' über den Bildschirm, eine fliegende Zeitbombe über den Wolkenkratzern der City der deutschen Wirtschaftsmetropole. Grossalarm, nicht nur in Frankfurt.

Längst ist das Verteidigungsministerium in Berlin einbezogen. Zwei altersschwache F4 Phantom jagen den Feind und dokumentieren lautstark und zugleich hilflos das finanzielle Chaos der Bundeswehr. Die 'Öffentlich-Rechtlichen' beschliessen, es den 'Privaten' zu zeigen: doppelte Sendezeit für das 'Heute Journal', nachdem der geistig verwirrte Student Franz-Stephan Strambach bereits glatt auf dem Frankfurter Flughafen gelandet und die von ihm verehrte Astronautin Judith Resnick, die 1986 bei der Explosion der US-Raumfähre 'Challenger' ums Leben gekommen war, dem Wunsch des Erpressers folgend ausreichend gewürdigt ist. 'Sie sind wieder da', kommentiert 'BILD', 'die Bilder vom 11. September 2001. Die einstürzenden Türme des World Trade Centers. Ground Zero, die Apokalypse...' Und Verteidigungsminister Peter Struck wird in diesen politisch nervösen Zeiten im unmittelbaren Vorfeld zweier Landtagswahlen von den Heerscharen der gierigen Fragesteller zu der Antwort genötigt: 'Man darf die Möglichkeit eines Abschusses nicht ausschliessen!'

Seit dem Tag der angeblich 'drohenden Apokalypse' und den unsäglichen Vergleichen mit dem 11. September 2001 hat sich die Kirche aus dem Dorf verabschiedet. Die Bedrohung am 5. Januar 2003 beschränkte sich auf 385 Kilo Kunststoff und 20 Liter Treibstoff. Bei den Terrorangriffen auf Manhattan und das Pentagon sind mehr als 700 Tonnen Aluminium und Kerosin als Waffe eingesetzt worden. Grösseren Schaden als bei nur einem der 45 Autounfälle auf deutschen Strassen an diesem Wochenende hätte der Motorsegler 'Super Dimona' selbst dann nicht verursachen können, wenn der wirre Pilot das Kleinflugzeug in ein Stockwerk der Europäischen Zentralbank hinein gesteuert hätte. Und die tief fliegenden Abfangjäger über dem Zentrum von Frankfurt haben das Risiko einer Katastrophe nicht gemindert, sondern eher erhöht. Luft-Luft-Raketen oder Bordkanonen sind im Einsatz gegen Plastik und Dünnblech ungeeignet, weil die Geschosse nach der Zerstörung des Objekts ihren Weg nahezu ungebremst fortsetzen.

Der Motorsegler ist auf einem kleinen Flugplatz gekapert worden. Noch eine Woche nach dem Chaos-Flug über Frankfurt und knapp drei Wochen vor den Landtagswahlen in Niedersachsen und Hessen denkt deshalb Staatssekretät Claus-Henning Schapper im Kreis der Innenminister der SPD-regierten Länder laut über Konsequenzen nach: alle 500 Flugplätze umzäunen, Streifengänge, Leibesvisitationen bei Rundfluggästen, elektronische Abflugsperren für Kleinflugzeuge. Aufgeregter Populismus! Man muss schnell reagieren in der Politik, bevor die oppositionelle Bundes-CDU das Thema besetzt. Allerdings mangelt es Schapper und Co. an Mut, die finale Konsequenz zu formulieren. Mein Vorschlag: Reaktivierung der noch lebenden Ex-Experten von NVA und MfS der verblichenen DDR. Da die durchschnittliche Zaunlänge rund um kleine Flughäfen und Verkehrslandeplätze etwa 5000 m beträgt, sollten im Abstand von 500 m ständig besetzte Wachtürme und MG-Schützen das Terrain absichern. Zusätzlich sollten Hundelaufanlagen, Selbstschussgeräte und leichte Tretminen in Erwägung gezogen werden...

Ich nehme diese Vorschläge mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück, weil selbst in Polizeistaaten und Militärdiktaturen ein verwirrter Zeitgenosse wie der beklagenswerte Stephan von Frankfurt nicht gebremst werden kann. 28. Mai 1987, verwegener Flug mit einer Cessna von Helsinki nach Moskau. Mathias Rust lässt grüssen. Zur Zeit der real existierenden und Waffen starrend gesicherten Sowjetunion landete der Psychopath ungehindert auf dem Roten Platz. Halbwegs intelligenten Geltungssüchtigen, geistig Verwirrten und Selbstmördern mit krimineller Energie wird es immer gelingen, die Hürden eines Flugplatzes oder eines politischen Systems zu überwinden. Anleitungen will ich mir ersparen.

Aber warum z.B. konzentriert sich das Sicherheitsinteresse ausschliesslich auf Passagiere oder Rundfluggäste, die womöglich den Dolch im Gewande tragen? Was ist mit den abertausend Privatpiloten, von denen sich hier einer verbreitet? Wir wehren uns seit Jahren gegen die immer wieder veröffentlichte Meinung, einer Elite anzugehören. Prozentual gibt es deshalb unter uns statistisch und folgerichtig so viele oder so wenige mit Macken, wie im Durchschnitt der Bevölkerung. Was nützt also eine elektronische Flugsperre, wenn es einem geschätzten und bisher unauffälligen Mitglied eines Aeroclubs in den vernebelten Sinn kommt, seine plötzlich irgendwie verquere Psyche 'auszuleben' und mit der Vereins-Cessna im Sturzflug auf ein Hochhaus medienwirksam 'abzuleben'? Wer soll verhindern, wenn einer der Millionen Führerscheininhaber in der Deckung seiner Garage das Familienauto mit TNT füllt, in den Haupteingang der Europäischen Zentralbank rast und sich dort in die Luft sprengt? Und was schliesslich lehren uns diese entsetzlichen Gedankenspiele, die seit dem 11. September 2001 Konjunktur haben?

Psychologen und erfahrene Fluglotsen haben in Frankfurt den richtigen Ton gefunden und einen Wahnsinnigen von seinem Plan abgebracht, haben ihn zugleich vor sich selbst geschützt. Die umsichtige und kompetente Krisenbewältigung im Fraport-Tower verdient Respekt. Das Ereignis hat die Aufmerksamkeit der Beschäftigten an kleinen Flugplätzen geschärft. Die Mitglieder der zahlreichen Aeroclubs halten ihre Augen offen und glauben zugleich zu wissen, dass zusätzliche BGS- oder Polizeipräsenz an den Verkehrslandeplätzen die potentielle Gefahr auch nicht zu 100 Prozent abwenden kann. Und sie sind davon überzeugt, dass blinder und aufgeregter populistischer Übereifer und tumbes Laiengeschwätz von Politikern und ahnungslosen, quotengeilen Journalisten nicht zur Abwehr des Wahnsinns taugen.

Gunter Hartung