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Eine Chance für Hannover
150 000 EUR für das Jatho - Projekt gesucht
Ulf Merbold will den Drachen fliegen


Man muss es sich so vorstellen: der Reisende landet zum ersten Mal in Hannover und verlässt den Airbus in Richtung Terminal. Er weiss, dass Hannover die Hauptstadt des Landes Niedersachsen ist. Rundherum Felder, Pferde und Rinder, plattes Land ohne Besonderheiten. Im Zentrum des Terminals dann die Begegnung mit einer anderen Wirklichkeit. Unübersehbar steht dort eine filigrane Konstruktion, die entfernte Ähnlichkeit mit einem Flugzeug hat. Die Erklärung steht auf einer grossen Tafel: "Willkommen in der Stadt des ersten Motorflugs der Geschichte". Der Besucher wundert sich, weil er gelesen hat, dass die Gebrüder Wright die Ersten gewesen sind. Ein PR - Gag? Natürlich auch. Vor allem aber die Wahrheit! Der Hannoveraner Karl Jatho hat es vier Monate vor den amerikanischen Brüdern geschafft. Und so ganz nebenbei erfährt der Fluggast, dass in fünf Werken bedeutende Komponenten des Airbus produziert werden, mit dem er gerade gelandet ist. Hannover erscheint ihm nun in einem ganz anderen Licht...

Das Szenario ist bis jetzt nur Wunschtraum einiger Enthusiasten, nicht mehr also als eine Vision. Der Arbeitskreis Technik - und Industrie - Geschichte (AK TIG) bemüht sich seit Monaten, den Ruf der Stadt national und diesmal sogar international mit einer intelligenten Aktion aufzuwerten. Es geht darum, den hannoverschen Luftfahrtpionier Karl Jatho, 100 Jahre nach dessen ersten Motorflug, endlich angemessen zu ehren. Damals ist Jatho von zahlreichen Spöttern als Spinner tituliert worden. Der Arbeitskreis hofft, trotz einiger Rückschläge noch Sponsoren zu finden, damit der Nachbau des motorisierten Flugdrachens in Angriff genommen werden kann.

Harald Lohmann aus Neustadt am Rübenberge hat sich angeboten, den historischen Jatho-Zweidecker am Flugplatz Fürstenwalde so originalgetreu und pedantisch nachzubauen, wie es ihm mit einer endlosen Reihe von flugfähigen Modellen und 1:1 - Flugzeugen in 50jähriger Praxis bereits gelungen ist. Lohmann ist vor zwei Jahren von Neustadt am Rübenberge nach Fürstenwalde/Flugplatz übergesiedelt, nachdem er über Jahre vergeblich im Umkreis niedersächsicher Flugplätze bezahlbare Hallenkapazität gesucht hatte.

Der 72jährige Rentner Harald Lohmann geniesst als kompetenter Flugzeugbauer, dem in Las Vegas der Titel "Weltmeister im Modellbau" verliehen wurde, bei den kritischen Prüfern des Luftfahrt - Bundesamtes einen hervorragenden Ruf. Er lässt sich ausschliesslich von ideellen Gefühlen leiten, beansprucht also keinen Cent für seine eigene Arbeitsleistung. Die aufwändigen Konstruktionspläne für das Projekt Jatho hat er längst gezeichnet. Er könnte mit der Rekonstruktion des ersten deutschen Motorflugzeugs, das sich vor dem Flyer der amerikanischen Gebrüder Wright vom Boden erhoben hat, sofort beginnen und bei der Gelegenheit einige qualifizierte Arbeitslose aus der strukturschwachen Region Fürstenwalde beschäftigen. Lohmann garantiert, dass der Zweidecker im Oktober 2003 am Flughafen Hannover an den Start gehen kann.

Jatho - Aktion in Hildesheim

Der Jahr für Jahr ausgetragene "Deutschlandflug", veranstaltet vom Deutschen Aero Club (DAeC), steht diesmal unter dem Motto "100 Jahre Motorflug". Startflugplatz ist Hildesheim. Der Hangar des Aero Clubs Hildesheim Hannover, der für das Briefing der ca. 150 Crews aus ganz Deutschland vorgesehen ist, soll mit einer Ausstellung an den hannoverschen Pionier Karl Jatho erinnern. Und der erste deutsche Astronaut, Ulf Merbold, trägt sich mit dem faszinierenden Gedanken, den Jatho - Drachen noch in diesem Jahr "selbstknüppelnd" an den Start zu bringen. Am 18. Juni treffen die Teilnehmer des Deutschlandflugs in Hildesheim ein. Auch Ulf Merbold will versuchen, trotz enger Terminlage an diesem 18. Juni nach Hildesheim zu kommen und für das Projekt Jatho zu werben.

Es geht darum, den Beweis anzutreten, dass Karl Jatho tatsächlich vor den Gebrüdern Wright geflogen sein könnte. (Der Luftsprung am 18. August 1903 ist von drei Augenzeugen notariell beeidigt aber nicht fotografisch dokumentiert). Nach der Erprobung soll der mit einem 15 - PS - Motor ausgerüstete Jatho - Flugdrachen in einem der Terminals des Hannover Airports ausgestellt werden, versehen mit einer Schautafel unter der Überschrift: "Willkommen in der Stadt des ersten Motorflugs der Geschichte".

Ein Jatho - Song von den "Scorpions"?

Es hiesse eine Chance zu verpassen, wenn es nicht gelänge, Sponsoren für die erforderlichen Mittel zu finden. Einige haben sich bisher zur Unterstützung bereit erklärt. Dazu gehören der Hannover Airport, der ADAC, die Popgruppe Scorpions, die sich mit dem Gedanken trägt, einen Jatho - Song zu produzieren, und der Rotary Club. Wenn es aber nicht in kurzer Zeit gelingt, Sponsoren zu bewegen, wenigstens zunächst eine Bürgschaft über die 150000 EUR zu übernehmen, wird das Projekt scheitern. Harald Lohmann benötigt diese Sicherheit, weil er aus verständlichen Gründen nicht auf den Kosten hängen bleiben möchte. Er muss in Fürstenwalde einen weiteren Hangar anmieten, Material kaufen und Hilfskräfte bezahlen. Er garantiert und haftet aber dafür, dass die kalkulierte Summe von 150000 EUR nicht überschritten wird. Um den Terminplan einhalten zu können, muss die Entscheidung in wenigen Tagen fallen, auf jeden Fall noch im Mai.

In Hannover wird immer wieder der Umstand beklagt, dass die Stadt aus der Perspektive des übrigen Deutschland und der Welt als nicht sonderlich attraktiv gilt. Es wäre an der Zeit, endlich werbewirksam damit zu beginnen, auf die weltverändernden Impulse hinzuweisen, die von Hannover und Niedersachsen ausgegangen sind. Frauen und Männer wie die Astronomin Caroline Herschel, der Erfinder des Kohlemikrofons und Grammophons, Emil Berliner, Gottfried Wilhelm Leibnitz, der das binäre Zahlensystem und Walter Bruch, der das PAL - Color - System entwickelte, Heinrich Göbel aus Springe, der die Glühlampe vor Thomas Alva Edison erfand und Carl Friedrich Gauss aus Braunschweig, dem die Welt u.a. den Telegraphen verdankt, um nur einige von vielen Pionieren zu nennen. Karl Jatho gehört dazu. Ohne ihn und Seinesgleichen würden wir vermutlich heute noch mit der Postkutsche unterwegs sein. Sollte sich seitdem nichts geändert haben? Die Initiatoren des Jatho -Projekts "Hundert Jahre Erstflug" hoffen unverdrossen darauf, dass die Aktion ein Erfolg wird.

In den USA laufen seit Monaten die Vorbereitungen für eine aufwändige Ehrung der Gebrüder Wright. Die Sponsoren überbieten sich gegenseitig. So wird jedem, dem es gelingt, den Flyer 1 der Gebrüder Wright nachzubauen und damit zu fliegen, 1 Mio $ angeboten. Der Arbeitskreis Technik - und Industrie - Geschichte benötigt nur 150 000 EUR, um zu beweisen und zu dokumentieren, das die Wright´s nicht die Ersten waren.

© Gunter Hartung