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Nachfolgender in der WAMs erschienener Artikel wurde uns zugemailt. Wir fanden ihn so gut, dass wir ihn hier veröffentlichen. Beachten Sie bitte den am Ende angebrachten Originallink zum Artikel sowie den ©-Vermerk.
Die Spucktüte macht Karriere - kunstvoll gestaltet, steigt sie auf zum
Kulturbeutel und Sammelobjekt
von Sönke Krüger
Gehören Sie zu den Fluggästen, die den Mund ziemlich voll nehmen? Die
gern ein Souvenir aus dem Flugzeug mitgehen lassen? Die ein Faible für
moderne Kunst haben? Lautet die Antwort "ja", sollten Sie in den
nächsten Monaten mit der britischen Fluggesellschaft Virgin Atlantic
fliegen. Und gleich nach dem Einsteigen die Tasche in ihrem Vordersitz
plündern (wenn Sie unbeobachtet sind: auch die Ihres Sitznachbarn), um
sich eines der interessantesten Utensilien zu sichern, die derzeit in
der internationalen Luftfahrt zu haben sind - einen Spuckbeutel.
Wobei hier nicht die Rede ist von einer langweiligen Papiertüte mit
Airline-Logo. Nein, Virgin Atlantic hat, als weltweit erste
Fluggesellschaft, eine limitierte Edition von kunstvoll bedruckten
Spuckbeuteln herausgebracht - Kunst zum Kotzen sozusagen. 20
Versionen, jede von einem anderen Designer gestaltet, sind in den
nächsten sechs Monaten auf allen Flügen der Airline an Bord.
Nach erfolgreichem Beutezug sollten Sie sich für den Rest des Fluges
aus Turbulenzen fernhalten, um die Spucktüte nicht ihrem eigentlichen
Zweck zuführen zu müssen, denn das würde den Sammlerwert mit einem
Schwall mindern. Dass die Kulturbeutel schon bald zu gesuchten
Wertobjekten aufsteigen werden, gilt als sicher. Im
Online-Auktionshaus Ebay sind schon über 200 Euro für einzelne
Brechbeutel aus ordinärer Serienproduktion gezahlt worden.
Die Sammlergemeinde umspannt den gesamten Globus und ist auch im
Internet vertreten - zu finden unter Suchbegriffen wie "Speisackerl"
oder "Luftkrankheitstasche". Auch ausländische Varianten wie
"Pohoinvointipussi" (finnisch) oder "Egészségügyi Tasak" (ungarisch)
sind vertreten.
Eine der interessantesten Web-Adressen ist www.kotztueten-museum.de.
Die dortige Tütothek ist mit rund 200 Objekten bestückt, die wiederum
mit liebevollen Begleittexten versehen sind. So wird die Spucktüte von
Dan Air als besonders benutzerfreundlich gelobt: "Breite Öffnung,
leicht in der Handhabung und dezente Farben, die nicht vom
eigentlichen Geschehen ablenken". Der aufgedruckte Kompass wird als
Warnung an Fluganfänger interpretiert, "nicht gegen die Flugrichtung
zu kübeln".
Tiefe Einblicke in die Tütologie liefert die Website
www.airsicknessbags.de. 1481 Beutel sind hier versammelt, darunter
Schmuckstücke wie jene Spucktüte von Air Afrique, die von einer
Gebärenden geziert wird, und das "Prullenzakje" der holländischen KLM,
das mit einem Känguruh - einem Beuteltier, haha - bedruckt ist.
Auf www.bagophily.com widmet man sich eher praktischen Fragen. Man
erfährt, dass die indonesische Riau Airlines die kleinste fliegende
Tüte an Bord hat (11 x 16,8 x 7,9 Zentimeter), die gerade mal 1,2
Liter fasst, während der internationale Standard bei 12,4 x 24 x 8
Zentimeter beziehungsweise knapp 2,4 Liter liegt. Den Grössenrekord
hält die amerikanische National Airlines (25 x 38,5 Zentimeter), wobei
die Frage nicht beantwortet wird, ob das überdurchschnittliche
Tütenvolumen Rückschlüsse auf einen besonders unterdurchschnittlichen
Flugstil der Piloten zulässt.
Der umfangreichste Auswurf zum Thema ist zu finden unter
www.vomitorium.co.uk. Hier bleibt keine Tütenfrage unbeantwortet. So
sind die wichtigsten Hersteller gelistet und alle Hollywood-Werke, in
denen Spucktüten eine Rolle spielen, beispielsweise "Independence
Day". Ein ganzes Kapitel beschäftigt sich mit Faltanleitungen. Das
scheint nötig zu sein, denn die aufgedruckten Gebrauchsanweisungen
folgen keinen Standards. So empfiehlt Air New Zealand, die benutzte
Tüte von sich weg zu falten, während Icelandair rät, das gefüllte
Gefäss in Körperrichtung zu falten. British Airways gibt keine
dezidierte Faltrichtungsempfehlung, schlägt aber vor, die Tüte einmal
zu falten, während Japan Airlines eine doppelte Faltung nahelegt.
Auch die Frage, was man mit dem Beutel nach dem Abfüllvorgang tut,
wird beantwortet. Bei Somali Airlines werden kübelnde Passagiere per
Tütenaufdruck angewiesen, den Spucksack auf den Kabinenboden zu
stellen. Bei Pakistan International wird empfohlen, ihn unter den Sitz
zu schieben, bei British Airways und Air New Zealand darf man ihn der
Stewardess in die Hand drücken.
Und bei der Lufthansa? Auf einer Speitüte der ersten Generation hiess
es noch: "Nach Gebrauch nicht aus dem Flugzeug werfen, sondern
schliessen und auf den Boden stellen." Deutsche Perfektion, die
begeistert. Fürsprecher findet die Lufthansa-Tüte auch wegen ihres
gelungenen Designs. Sie habe etwas "von einem gediegenen Brillenetui",
jubelte vor Jahren das Satiremagazin "Titanic", "wahlweise in dezentem
Grau oder Olivbraun, rechts oben ein Kranich im Kreis, der uns
offenbar sagen soll: Reihern müssen wir alle mal! Trotzdem: Für den
Verwendungszweck ist die Tüte eigentlich zu schön. Wer übergibt sich
schon in ein Brillenetui?"
Bei soviel Zuspruch verwundert es nicht, dass inzwischen selbst ein
Fachbuch auf dem Markt ist. "Izmirübel, das Buch zur Tüte" aus der
Feder des Tütologen Gerd Otto-Rieke ist längst zum Standardwerk
avanciert (Alabasta-Verlag). Es beeindruckt auf 48 Seiten mit
Abbildungen exotischer Tüten (etwa ein vom Piloten handsignierter
Interflug-Beutel) und mit Sachkunde (etwa im Kapitel über
Beutelschliesssysteme). Und es deckt Missstände auf, indem es enthüllt,
dass weder Bundesanstalt für Materialprüfung noch Stiftung Warentest
jemals ernsthaft Tütenkunde betrieben haben.
Im Schlusskapitel beschwert sich der Autor, der sein Buch August von
Kotzebue gewidmet hat, dass vor dem Start eines Flugzeugs nur
Schwimmweste und Sauerstoffmasken rituell erklärt werden. Die
Flugbegleiter müssten auch den korrekten Gebrauch der Tüte
demonstrieren, fordert er: "Das wäre Service! Mit einigen passenden
Worten (zum Beispiel und erlöse uns von dem Übel) könnte man Goodwill
zeigen."
Der Servicegedanke wird dagegen ausgerechnet bei den
Low-Cost-Gesellschaften hochgehalten. So sind - trotz des
Einsparpotentials - noch keine Fälle bekannt, in denen Passagiere
aufgefordert wurden, eigene Brechbeutel mitzubringen. Der deutsche
Billigflieger Hapag-Lloyd Express ermutigt seine Gäste gar,
Beschwerden gleich aus dem Bauch heraus zu äussern, und hat seine Tüten
entsprechend bedruckt: "Vielen Dank für Ihre Kritik", steht da in
grossen Lettern. Bahnbrechend.
Artikel erschienen am 2. Januar 2005
©WAMS.de 1995 - 2005
Vollständige Url des Artikels: http://www.wams.de/data/2005/01/02/381071.html
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